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Ich möchte mich selbstständig machen, traue mich aber nicht: Was hält mich zurück?

Von Maria Ravariu · Life & Business Coach · B.Sc. Psychologie

Du denkst nicht erst seit gestern darüber nach, dich selbstständig zu machen.

Vielleicht steht die Idee schon länger. Du hast recherchiert, mit anderen darüber gesprochen, erste Angebote entwickelt oder ausgerechnet, was du verdienen müsstest.

Manchmal bist du dir ziemlich sicher: Ich möchte das machen.

Dann wird es konkret.

Du müsstest dein Angebot veröffentlichen. Mit potenziellen Kunden sprechen. Ein Gewerbe anmelden. Geld investieren. Deine Arbeitszeit reduzieren. Vielleicht irgendwann sogar kündigen.

Und plötzlich entstehen wieder Zweifel.

Was, wenn es nicht funktioniert? Was, wenn du etwas Wichtiges übersiehst? Was, wenn du deine Sicherheit aufgibst und es später bereust?

Also bereitest du dich noch ein bisschen besser vor.

Die Selbstständigkeit bleibt eine Möglichkeit, aber der tatsächliche Schritt verschiebt sich immer weiter.

Wenn du dich selbstständig machen möchtest, dich aber nicht traust, bedeutet das nicht automatisch, dass dir einfach Mut fehlt. Bevor du versuchst, deine Angst „zu überwinden“, lohnt sich eine andere Frage:

Was genau macht dir an diesem Schritt Angst?

Warum traue ich mich nicht, mich selbstständig zu machen?

Der Schritt in die Selbstständigkeit ist mit echter Unsicherheit verbunden.

Du kannst recherchieren, planen und Risiken reduzieren. Trotzdem kannst du vorher nicht mit Sicherheit wissen, wie viele Kunden du gewinnen wirst, wie sich dein Einkommen entwickelt oder ob deine Geschäftsidee langfristig funktioniert.

Deshalb wäre es zu einfach, jede Unsicherheit als ein persönliches Problem zu betrachten, das du nur überwinden musst.

Vielleicht fehlen dir tatsächlich noch wichtige Informationen.

Vielleicht ist dein finanzielles Risiko momentan zu hoch.

Vielleicht ist deine Geschäftsidee noch nicht ausreichend geprüft.

Vielleicht weißt du noch nicht, wie du erste Kunden gewinnen möchtest.

Vielleicht möchtest du die Selbstständigkeit, hast aber große Schwierigkeiten damit, einen sicheren und bekannten Weg zu verlassen.

Oder mehrere dieser Punkte kommen gleichzeitig zusammen.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht:

„Wie werde ich meine Angst los?“

Sondern zunächst:

„Wovor habe ich eigentlich konkret Angst?“

1. Wovor hast du Angst, wenn du an Selbstständigkeit denkst?

„Ich traue mich nicht“ klingt zunächst eindeutig.

Ist es aber nicht.

Zwei Menschen können genau diesen Satz sagen und etwas vollkommen anderes meinen.

Der eine denkt:

„Was, wenn ich nach sechs Monaten meine Rechnungen nicht mehr bezahlen kann?“

Die andere denkt:

„Was, wenn alle sehen, dass ich es versucht habe und es nicht funktioniert?“

Jemand anderes fragt sich:

„Was, wenn ich einen Fehler bei Steuern oder Versicherungen mache?“

Und wieder jemand hat weniger Angst vor dem finanziellen Risiko als davor, plötzlich allein für Entscheidungen verantwortlich zu sein.

Deshalb kann es helfen, den Satz zu vervollständigen:

Ich würde mich selbstständig machen, wenn ich keine Angst davor hätte, dass …

Was kommt danach?

Genau dort wird die Frage konkreter.

2. Welche deiner Sorgen lassen sich tatsächlich klären?

Nicht jede Angst vor der Selbstständigkeit muss psychologisch bearbeitet werden.

Manche Unsicherheiten brauchen schlicht eine Antwort.

Wenn du nicht weißt, welche Steuern auf dich zukommen, brauchst du verlässliche Informationen.

Wenn du nicht weißt, ob dein finanzielles Polster ausreicht, musst du deine Zahlen kennen.

Wenn rechtliche Fragen offen sind, solltest du sie mit einer dafür qualifizierten Fachperson klären.

Wenn du nicht weißt, ob Menschen für dein Angebot bezahlen würden, kann es sinnvoller sein, deine Annahme am Markt zu überprüfen, statt weitere Monate darüber nachzudenken.

Das klingt selbstverständlich. In der Praxis können sich jedoch zwei Arten von Unsicherheit miteinander vermischen:

Unsicherheit, weil dir relevante Informationen fehlen.

Und:

Unsicherheit, die auch nach guter Vorbereitung bestehen bleibt.

Diese Unterscheidung ist wichtig.

Denn ein reales finanzielles Risiko verschwindet nicht dadurch, dass du selbstbewusster wirst.

Umgekehrt kann es passieren, dass du immer mehr Informationen sammelst, obwohl die entscheidenden Fragen längst beantwortet sind.

3. Auf welche Sicherheit wartest du?

Vielleicht hast du bereits gerechnet.

Du hast dich informiert.

Du kennst deine nächsten Schritte.

Vielleicht hast du sogar erste positive Rückmeldungen zu deiner Idee.

Trotzdem denkst du:

Noch nicht.

Dann lohnt sich die Frage:

Was müsste ich noch wissen, damit ich mich bereit fühle?

Vielleicht lautet deine Antwort:

„Ich müsste wissen, dass ich genügend Kunden bekomme.“

Oder:

„Ich müsste sicher sein, dass ich davon leben kann.“

Oder:

„Ich müsste wissen, dass ich es später nicht bereue.“

Dann kommt die nächste Frage:

Kannst du diese Information bekommen, bevor du anfängst?

Manche Fragen lassen sich durch Recherche beantworten.

Andere erst durch Erfahrung.

Das bedeutet nicht, dass du unüberlegt handeln solltest. Es bedeutet lediglich, dass eine Entscheidung unter Unsicherheit irgendwann einen Punkt erreichen kann, an dem weitere Vorbereitung keine vollständige Gewissheit mehr herstellen kann.

4. Was würdest du tatsächlich riskieren?

„Ich gebe meine Sicherheit auf“ kann sich enorm anfühlen.

Aber was bedeutet das in deiner konkreten Situation?

Wie hoch sind deine monatlichen Ausgaben?

Welche Rücklagen hast du?

Für wen trägst du finanzielle Verantwortung?

Welche Verpflichtungen bestehen?

Was würde passieren, wenn du einige Monate weniger verdienst?

Welche Möglichkeiten hättest du, wenn die Selbstständigkeit nicht so läuft wie geplant?

Könntest du zunächst nebenberuflich starten?

Könntest du deine Arbeitszeit reduzieren?

Könntest du deine Idee zunächst mit wenigen Kunden testen?

Und ebenso wichtig:

Welches Risiko wäre für dich persönlich nicht akzeptabel?

Je konkreter du weißt, was du tatsächlich riskierst, desto besser kannst du einschätzen, ob dieses Risiko für dich tragbar ist.

5. Welche Rolle spielt die Meinung anderer?

Du erzählst jemandem von deiner Idee.

Und hörst:

„Überleg dir das gut.“

„Selbstständig sein bedeutet, ständig zu arbeiten.“

„In der aktuellen Wirtschaftslage würde ich das niemals machen.“

„Sei doch froh, dass du einen sicheren Job hast.“

Manche Einwände können wertvoll sein. Vielleicht weist jemand auf ein Risiko hin, das du tatsächlich noch nicht berücksichtigt hast.

Andere Aussagen erzählen möglicherweise mehr über die Erfahrungen und Risikobereitschaft des anderen Menschen als über deine konkrete Situation.

Die interessante Frage lautet deshalb nicht, ob du auf niemanden hören solltest.

Sondern:

Welche Rückmeldung enthält eine Information, die ich prüfen sollte, und welche beeinflusst vor allem mein Gefühl über meine Entscheidung?

Am Ende musst du mit den Konsequenzen deiner Entscheidung leben.

Deshalb sollte auch deine eigene Bewertung darin ausreichend Raum bekommen.

6. Musst du dich wirklich sofort vollständig selbstständig machen?

Manchmal behandeln wir eine Entscheidung so, als gäbe es nur zwei Möglichkeiten:

Sicherer Job oder volle Selbstständigkeit.

Dazwischen können jedoch weitere Optionen liegen.

Je nach Tätigkeit und persönlicher Situation kann es beispielsweise möglich sein, zunächst nebenberuflich zu starten, die Arbeitszeit später zu reduzieren, eine Idee mit ersten Kunden zu testen oder einen klar definierten Zeitraum für eine Erprobungsphase festzulegen.

Das ist nicht für jede Gründung möglich und sollte hinsichtlich arbeitsrechtlicher, steuerlicher, versicherungsrechtlicher und finanzieller Fragen individuell geprüft werden.

Aber für deine Entscheidung ist eine andere Frage interessant:

Welche Annahmen über meine Selbstständigkeit könnte ich testen, bevor ich eine größere Entscheidung treffe?

Vielleicht musst du noch nicht wissen, ob dein Unternehmen in fünf Jahren funktioniert.

Vielleicht brauchst du zunächst eine Antwort darauf, ob überhaupt jemand dein erstes Angebot kaufen möchte.

7. Was passiert, wenn du noch ein Jahr wartest?

Bei Entscheidungen sprechen wir häufig ausführlich über das Risiko des Handelns.

Seltener betrachten wir das Risiko des Nicht-Handelns.

Stell dir vor, du entscheidest dich heute dafür, zunächst nichts zu verändern.

Ein Jahr vergeht.

Du bist noch im selben Job und deine Idee existiert weiterhin.

Wie fühlt sich diese Vorstellung an?

Vielleicht denkst du:

Eigentlich erleichternd. Ich brauche gerade noch Zeit.

Auch das ist eine Information.

Vielleicht merkst du aber:

Genau davor habe ich eigentlich Angst. Dass ich nächstes Jahr noch immer darüber nachdenke.

Auch das ist eine Information.

Nicht zu handeln ist ebenfalls eine Entscheidung mit möglichen Konsequenzen.

Vielleicht entscheidest du dich danach für den Start. Vielleicht stellst du fest, dass du noch etwas klären möchtest oder dass Selbstständigkeit aktuell nicht der richtige Schritt für dich ist.

Coaching Fallbeispiel, zusammengesetzt

Eine Klientin wollte sich seit längerer Zeit mit einer Dienstleistung selbstständig machen.

Das Angebot war relativ klar. Sie hatte bereits recherchiert, welche Kosten entstehen würden, und erste Gespräche mit Menschen aus ihrer möglichen Zielgruppe geführt.

Trotzdem sagte sie im Coaching:

„Ich glaube, ich brauche einfach noch ein bisschen mehr Sicherheit.“

Ich fragte:

„Woran würdest du merken, dass du genug Sicherheit hast?“

Sie dachte kurz nach.

„Wenn ich wüsste, dass genügend Kunden kommen.“

„Wann könntest du das wissen?“

Sie überlegte erneut.

„Eigentlich erst, wenn ich es ausprobiere.“

Wir untersuchten genauer, welche Fragen für ihre Entscheidung tatsächlich noch offen waren und was sie bereits wusste. Dabei unterschied sie zunehmend zwischen Informationen, die sie noch einholen konnte, und Fragen, die sich erst beantworten ließen, wenn sie ihre Idee tatsächlich ausprobierte.

Im Gespräch erkannte sie, dass sie zwei unterschiedliche Fragen miteinander vermischt hatte.

Eine war fachlich:

Ist mein Angebot interessant genug, dass Menschen dafür bezahlen?

Die andere war persönlich:

Bin ich bereit, etwas auszuprobieren, obwohl ich vorher nicht wissen kann, wie es ausgeht?

Für die erste Frage entwickelte sie einen konkreten Test. Sie entschied sich, ihr Angebot zunächst einer kleinen Zahl potenzieller Kunden anzubieten und deren Reaktionen auszuwerten.

Bei der zweiten Frage ging es um ihre eigene Entscheidung: Wie viel Unsicherheit war sie bereit einzugehen, um herauszufinden, ob ihre Idee in der Praxis funktioniert?

Als nächsten Schritt legte sie fest, wem sie ihr Angebot anbieten und bis wann sie die ersten Gespräche führen wollte.

8. Traust du dich nicht oder hast du dich noch nicht entschieden?

Auch diese Unterscheidung kann wichtig sein.

Vielleicht sagst du:

„Eigentlich möchte ich mich selbstständig machen, aber ich traue mich nicht.“

Wenn du genauer hinschaust, stellst du möglicherweise fest, dass du noch gar nicht sicher bist, ob du Selbstständigkeit wirklich möchtest.

Dann geht es nicht darum, mutiger zu werden.

Dann steht zunächst eine Entscheidung an.

In diesem Fall kann die Frage „Angestellt bleiben oder selbstständig machen?“ hilfreicher sein.

Wenn deine Entscheidung dagegen grundsätzlich klar ist und du immer wieder kurz vor dem nächsten Schritt stoppst, lohnt sich ein genauerer Blick darauf, was genau an diesem Schritt schwierig wird.

9. Was ist der kleinste echte Schritt, der dir neue Informationen gibt?

Wenn du seit Monaten nachdenkst, brauchst du möglicherweise nicht noch eine weitere allgemeine Pro-und-Contra-Liste.

Vielleicht brauchst du einen Schritt, nach dem du etwas weißt, das du vorher nicht wissen konntest.

Zum Beispiel:

Mit fünf potenziellen Kunden über ihr konkretes Problem sprechen.

Ein erstes Angebot formulieren und testen.

Einen Termin bei einer geeigneten Fachperson vereinbaren, um eine offene finanzielle, rechtliche oder steuerliche Frage zu klären.

Deine tatsächlichen monatlichen Mindestkosten berechnen.

Ein erstes Angebot verschicken.

Einen Zeitraum festlegen, in dem du eine bestimmte Annahme testest.

Der passende Schritt hängt von deiner Situation ab.

Entscheidend ist die Frage:

Welche Information fehlt mir wirklich noch und wie kann ich sie bekommen?

Das ist etwas anderes als weiter darüber nachzudenken, bis du dich irgendwann vollkommen sicher fühlst.

Du musst nicht angstfrei sein, um eine Entscheidung zu treffen

Selbstständigkeit enthält reale Unsicherheit.

Entscheidend ist, welche Fragen du vorab klären kannst und an welchem Punkt du bereit bist, eine Entscheidung zu treffen, obwohl das Ergebnis noch offen ist.

Viel wichtiger ist, unterscheiden zu können:

Was muss ich noch wissen?

Was muss ich fachlich prüfen?

Welches Risiko möchte ich nicht eingehen?

Welche Risiken kann und möchte ich tragen?

Welche Sicherheit versuche ich zu bekommen, obwohl sie erst durch Erfahrung entstehen kann?

Und was hält mich persönlich davon ab, den nächsten Schritt zu gehen?

Vielleicht kommst du danach zu dem Schluss, dass du noch nicht starten möchtest.

Vielleicht entscheidest du dich für einen kleineren Test.

Vielleicht stellst du fest, dass deine wichtigsten Fragen längst beantwortet sind und du bereit bist, den nächsten Schritt zu gehen.

Keine dieser Antworten muss von außen vorgegeben werden.

Es geht darum, dass du deine eigene Entscheidung klarer treffen kannst.

Wenn du dich selbstständig machen möchtest, aber immer wieder an derselben Stelle stoppst

Vielleicht beschäftigst du dich schon seit Monaten mit deiner Selbstständigkeit.

Du hast recherchiert, Möglichkeiten durchgespielt und viele Fragen beantwortet. Trotzdem kommst du bei deiner Entscheidung oder beim nächsten konkreten Schritt immer wieder an denselben Punkt.

Im Coaching können wir deine Situation genauer anschauen: Welche Fragen sind tatsächlich noch offen? Welche Risiken müssen realistisch berücksichtigt werden? Welche Sicherheit suchst du? Und was brauchst du, um deinen eigenen nächsten Schritt zu entwickeln?

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Über Maria Ravariu

Maria Ravariu ist Life & Business Coach mit psychologischem Hintergrund. Sie begleitet Menschen dabei, persönliche und berufliche Ziele zu klären, innere und äußere Hindernisse zu verstehen und konkrete Schritte in die Umsetzung zu bringen.

Ihre Arbeit verbindet psychologisches Wissen mit einer fundierten Coaching-Ausbildung nach ICF-Standards und mehrjähriger Beratungs- und Berufserfahrung.

Schwerpunkte: berufliche Entscheidungen, Zielumsetzung, neue Führungsverantwortung und persönliche Veränderungsprozesse.

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