Angestellt bleiben oder selbstständig machen? 9 Fragen für deine Entscheidung
Du hast einen sicheren Job. Dein Gehalt kommt jeden Monat. Vielleicht verdienst du sogar gut und hast objektiv keinen dringenden Grund zu kündigen.
Und trotzdem taucht dieser Gedanke immer wieder auf:
Was wäre, wenn ich mich selbstständig machen würde?
Vielleicht hast du sogar schon eine konkrete Idee. Du könntest dich als Berater selbstständig machen, ein eigenes Unternehmen aufbauen, als Freelancer arbeiten oder aus etwas, das bisher nebenbei läuft, deinen Beruf machen.
An manchen Tagen bist du überzeugt davon.
Dann rechnest du, denkst an dein regelmäßiges Einkommen und fragst dich, warum du diese Sicherheit freiwillig aufgeben solltest.
Also bleibst du erstmal.
Ein paar Wochen später ist der Gedanke wieder da.
Wenn du zwischen Anstellung und Selbstständigkeit schwankst, helfen dir die üblichen Listen mit „Freiheit versus Sicherheit“ deshalb nur begrenzt.
Die wichtigere Frage ist:
Welches Arbeitsleben möchtest du eigentlich führen?
Diese neun Fragen können dir helfen, das genauer herauszufinden.
1. Was genau reizt dich an der Selbstständigkeit?
„Ich möchte selbstständig sein“ klingt zunächst eindeutig.
Aber was bedeutet Selbstständigkeit für dich?
Vielleicht möchtest du selbst entscheiden, woran du arbeitest.
Deine Zeit freier einteilen.
Mehr verdienen.
Eine eigene Idee verwirklichen.
Nicht mehr von Entscheidungen anderer abhängig sein.
Mit Kunden arbeiten, die du selbst auswählst.
Etwas aufbauen, das dir gehört.
Oder du möchtest vor allem aus deiner aktuellen beruflichen Situation heraus.
Versuche deshalb, den Satz zu vervollständigen:
„Ich möchte mich selbstständig machen, weil …“
Und geh danach noch einen Schritt weiter:
„Was davon könnte ich nur durch Selbstständigkeit bekommen?“
Vielleicht stellst du fest, dass du tatsächlich unternehmerisch arbeiten möchtest.
Vielleicht suchst du aber eigentlich mehr Gestaltungsspielraum, Flexibilität oder Entwicklung. Dafür kann Selbstständigkeit ein Weg sein, aber nicht zwingend der einzige.
2. Willst du Selbstständigkeit oder willst du aus deinem aktuellen Job raus?
Das ist ein wichtiger Unterschied.
Stell dir vor, du würdest morgen ein Jobangebot bekommen.
Interessantere Aufgaben. Mehr Entscheidungsfreiheit. Flexible Arbeitszeiten. Eine Führungskraft, mit der du gerne arbeitest. Ein Gehalt, mit dem du zufrieden bist.
Würdest du dich trotzdem selbstständig machen wollen?
Wenn deine Antwort klar Ja lautet, sagt dir das etwas.
Wenn du plötzlich zögerst, vielleicht ebenfalls.
Denn manchmal erscheint Selbstständigkeit besonders attraktiv, weil die aktuelle berufliche Situation nicht mehr passt.
Dann vergleichst du unbewusst einen realen Job mit all seinen Problemen mit einer Selbstständigkeit, die bisher vor allem in deiner Vorstellung existiert.
Das ist kein fairer Vergleich.
Vergleiche deshalb nicht nur:
meinen jetzigen Job oder Selbstständigkeit
sondern auch:
eine bessere Anstellung oder Selbstständigkeit.
3. Willst du wirklich selbstständig arbeiten oder gefällt dir die Vorstellung davon?
Selbstständigkeit wird häufig mit Freiheit verbunden.
Und ja, du kannst vieles selbst entscheiden.
Gleichzeitig bedeutet diese Freiheit, dass viele Dinge, die bisher dein Arbeitgeber organisiert hat, plötzlich bei dir liegen.
Kunden kommen nicht automatisch.
Aufträge müssen gewonnen werden.
Preise müssen festgelegt werden.
Rechnungen müssen geschrieben werden.
Einnahmen können schwanken.
Entscheidungen, die früher jemand anderes getroffen hat, landen bei dir.
Aktuelle Vergleiche zwischen Anstellung und Selbstständigkeit nennen genau diese Kombination: mehr Selbstbestimmung auf der einen Seite, mehr unternehmerisches Risiko, Eigenorganisation und administrative Verantwortung auf der anderen.
Frag dich deshalb nicht nur:
„Möchte ich mein eigener Chef sein?“
Sondern:
„Möchte ich auch die Aufgaben übernehmen, die dazugehören?“
4. Wie soll ein ganz normaler Dienstag in deinem Leben aussehen?
Vergiss für einen Moment Begriffe wie „Unternehmer“, „Freelancer“ oder „Angestellter“.
Stell dir stattdessen einen Dienstag in drei Jahren vor.
Wann möchtest du anfangen zu arbeiten?
Wo arbeitest du?
Mit welchen Menschen?
Womit verbringst du den größten Teil deines Tages?
Wie viel möchtest du selbst entscheiden?
Wie wichtig ist dir ein Team?
Wie planbar soll dein Einkommen sein?
Wann möchtest du Feierabend machen?
Und wie viel Raum soll neben deiner Arbeit noch für dein Leben bleiben?
Jetzt vergleichst du keine Berufsbezeichnungen mehr.
Du vergleichst zwei mögliche Arbeitsleben.
Vielleicht passt eines davon deutlich besser zu dem, was du dir wünschst.
Vielleicht merkst du aber auch, dass deine ideale Lösung Elemente aus beiden Welten enthält.
5. Welche Sicherheit brauchst du tatsächlich?
„Ich brauche Sicherheit“ kann vieles bedeuten.
Vielleicht brauchst du ein bestimmtes monatliches Einkommen, weil du einen Kredit zahlst oder eine Familie versorgst.
Vielleicht möchtest du Rücklagen für mehrere Monate haben.
Vielleicht möchtest du wissen, dass erste Kunden Interesse an deinem Angebot haben.
Oder Sicherheit bedeutet für dich vor allem, genau zu wissen, was in den nächsten Monaten passiert.
Dann wird es schwieriger.
Denn diese Art von Sicherheit gibt dir auch eine Festanstellung nicht vollständig.
Unternehmen verändern sich. Teams werden umstrukturiert. Stellen fallen weg. Lebenssituationen verändern sich.
Die Frage ist deshalb nicht nur:
„Ist Selbstständigkeit sicher genug?“
Sondern:
„Welche konkrete Sicherheit brauche ich, bevor ich diesen Schritt verantworten kann?“
Je konkreter deine Antwort wird, desto eher kannst du prüfen, ob du diese Voraussetzungen schaffen kannst.
6. Was müsste wirtschaftlich stimmen, damit du den Schritt ernsthaft prüfen kannst?
Selbstständigkeit ist nicht nur eine persönliche Entscheidung.
Sie ist auch eine wirtschaftliche.
Wie hoch sind deine monatlichen privaten Ausgaben?
Welche zusätzlichen Kosten entstehen durch deine Selbstständigkeit?
Wie viel Umsatz müsstest du erzielen?
Wie lange könntest du mit niedrigeren oder schwankenden Einnahmen umgehen?
Welche Rücklagen möchtest du haben?
Gibt es bereits potenzielle Kunden?
Und wofür wären Menschen tatsächlich bereit, dich zu bezahlen?
Du musst nicht jede Zahl für die nächsten fünf Jahre kennen.
Aber zwischen:
„Ich habe Angst, dass es finanziell nicht funktioniert“
und:
„Ich habe ausgerechnet, welche Einnahmen ich mindestens brauche und welche Rücklagen ich vorher aufbauen möchte“
liegt ein großer Unterschied.
Aus einem diffusen Risiko wird etwas, das du zumindest teilweise prüfen und vorbereiten kannst.
7. Musst du dich überhaupt heute zwischen Kündigung und Bleiben entscheiden?
Vielleicht stellst du dir gerade eine größere Frage als nötig.
Du denkst:
Entweder ich bleibe angestellt oder ich kündige und werde selbstständig.
Aber möglicherweise gibt es Schritte dazwischen.
Kannst du deine Idee nebenberuflich testen?
Mit ersten potenziellen Kunden sprechen?
Ein kleines Angebot entwickeln?
Prüfen, ob jemand dafür bezahlt?
Deine Arbeitszeit später reduzieren?
Mit Menschen sprechen, die bereits in deinem Bereich selbstständig sind?
Einen finanziellen Puffer aufbauen?
Das bedeutet nicht, eine Entscheidung endlos aufzuschieben.
Es bedeutet, herauszufinden, welche Annahmen du testen kannst, bevor du eine weitreichende Entscheidung triffst.
Vielleicht brauchst du noch kein Kündigungsschreiben.
Vielleicht brauchst du zuerst einen echten Test.
Ein Beispiel aus dem Coaching
Coaching-Fallbeispiel, zusammengesetzt
Eine Klientin beschäftigte sich schon länger mit dem Gedanken, sich selbstständig zu machen. Sie hatte eine konkrete Idee, gleichzeitig fiel es ihr schwer, eine Entscheidung zu treffen.
„Eigentlich möchte ich es machen. Aber sobald ich daran denke zu kündigen, bekomme ich Zweifel.“
Ich fragte:
„Was macht die Entscheidung gerade so schwierig für dich?“
Sie dachte kurz nach.
„Ich weiß nicht, ob es funktioniert.“
„Was bedeutet für dich: Es funktioniert?“
„Dass ich davon leben kann. Dass Menschen wirklich bereit sind, für mein Angebot zu bezahlen.“
Ich fragte:
„Und was davon weißt du heute schon?“
Sie schwieg einen Moment.
„Eigentlich fast nichts. Ich denke die ganze Zeit darüber nach, aber ich habe es noch nie wirklich ausprobiert.“
„Was möchtest du stattdessen wissen?“
„Ob überhaupt jemand mein Angebot kaufen würde.“
Ich fragte:
„Wie könntest du das herausfinden?“
Sie überlegte.
„Ich könnte mit potenziellen Kunden sprechen. Und eigentlich könnte ich das Angebot auch erstmal nebenberuflich testen.“
Dann sagte sie:
„Ich merke gerade, dass ich die ganze Zeit versuche zu entscheiden, ob ich meinen Job kündigen soll. Dabei ist das vielleicht noch gar nicht die Entscheidung, die ich jetzt treffen muss.“
„Welche Entscheidung steht für dich jetzt an?“
„Ob ich bereit bin, meine Idee wirklich zu testen.“
Damit hatte sich ihr nächster Schritt verändert. Sie kündigte zu diesem Zeitpunkt nicht. Sie konkretisierte ihr Angebot, sprach mit potenziellen Kunden und begann, es nebenberuflich zu testen.
Einige Wochen später hatte sie ihre ersten zahlenden Kunden. Damit hatte sie auch neue Informationen, auf deren Grundlage sie ihre nächsten beruflichen Entscheidungen treffen konnte.
8. Was würdest du bereuen, wenn du es nie ausprobierst?
Bei der Entscheidung für eine Selbstständigkeit ist es leicht, alle Risiken eines Ja aufzuschreiben.
Weniger planbares Einkommen.
Verantwortung.
Kundengewinnung.
Mehr organisatorische Aufgaben.
Die Möglichkeit zu scheitern.
Aber auch ein Nein hat Konsequenzen.
Stell dir vor, du entscheidest dich, die Idee nicht weiterzuverfolgen.
Ein Jahr vergeht.
Dann drei.
Dann fünf.
Wie fühlt sich diese Vorstellung an?
Vielleicht denkst du:
„Völlig in Ordnung. Eigentlich möchte ich mein Leben gar nicht so stark um die Arbeit herum aufbauen.“
Das ist eine wertvolle Erkenntnis.
Vielleicht merkst du aber:
„Ich würde mich wahrscheinlich immer fragen, was daraus hätte werden können.“
Auch das ist eine Information.
Die Frage soll dich nicht dazu bringen, dich selbstständig zu machen.
Sie hilft dir, nicht nur die Risiken des Handelns zu betrachten, sondern auch die Konsequenzen des Nicht-Handelns.
9. Welche Entscheidung musst du jetzt wirklich treffen?
Vielleicht ist das am Ende die wichtigste Frage.
Musst du heute entscheiden, ob du für den Rest deines Berufslebens selbstständig sein möchtest?
Wahrscheinlich nicht.
Vielleicht lautet deine tatsächliche Entscheidung:
Will ich meine Geschäftsidee in den nächsten drei Monaten ernsthaft testen?
Oder:
Will ich herausfinden, welche finanziellen Voraussetzungen ich für einen Wechsel brauche?
Oder:
Will ich mit fünf potenziellen Kunden sprechen?
Oder tatsächlich:
Bin ich bereit, meine Anstellung zu kündigen und den Schritt jetzt zu gehen?
Eine große Entscheidung wird oft klarer, wenn du herausfindest, welche Entscheidung gerade wirklich vor dir liegt.
Selbstständig oder angestellt: Es gibt keine allgemein bessere Antwort
Selbstständigkeit kann dir mehr Gestaltungsspielraum und unternehmerische Freiheit geben. Gleichzeitig trägst du mehr Verantwortung und wirtschaftliches Risiko.
Eine Anstellung kann dir mehr Planbarkeit und bestehende Strukturen bieten. Gleichzeitig hast du häufig weniger Einfluss darauf, was, wie und unter welchen Bedingungen gearbeitet wird.
Deshalb hilft dir die Frage:
„Was ist besser, selbstständig oder angestellt?“
nur begrenzt weiter.
Interessanter ist:
„Welche Arbeitsform passt zu dem Leben, das ich führen möchte, und welche Konsequenzen bin ich bereit dafür zu tragen?“
Wenn du merkst, dass du eigentlich nur aus deinem aktuellen Job raus möchtest
Vielleicht hast du beim Lesen festgestellt, dass dich weniger die Selbstständigkeit selbst reizt.
Du möchtest vor allem beruflich etwas verändern.
Wenn du noch nicht weißt, wohin, kann dir mein Beitrag Berufliche Neuorientierung: Wie finde ich heraus, was ich wirklich will? helfen.
Wenn du dagegen bereits eine Alternative hast und zwischen deinem aktuellen Job und einem Wechsel schwankst, findest du im Beitrag Job wechseln oder bleiben? 10 Fragen, die dir bei der Entscheidung helfen weitere Fragen für deine Entscheidung.
Wie Coaching bei der Entscheidung zwischen Anstellung und Selbstständigkeit helfen kann
Vielleicht beschäftigst du dich schon seit Monaten mit der Idee einer Selbstständigkeit.
Du hast gerechnet, recherchiert, mit anderen gesprochen und trotzdem wechselst du immer wieder zwischen:
„Ich will es machen.“
und:
„Warum sollte ich meine Sicherheit aufgeben?“
Im Coaching können wir genauer anschauen, was du dir von der Selbstständigkeit versprichst, welche Bedenken für deine Entscheidung tatsächlich relevant sind und welche Fragen sich konkret prüfen lassen.
Dabei geht es nicht darum, dich zur Selbstständigkeit zu ermutigen oder dir davon abzuraten.
Wir schauen darauf, was du möchtest, welche Bedingungen für dich wichtig sind und welcher nächste Schritt dir die Informationen geben kann, die dir heute noch fehlen.
Du überlegst, dich selbstständig zu machen?
Vielleicht hast du bereits eine konkrete Idee. Vielleicht denkst du schon lange darüber nach und kommst trotzdem zu keiner Entscheidung.
Im Coaching können wir deine Situation gemeinsam sortieren und herausarbeiten, was für deine Entscheidung wirklich wichtig ist und welchen nächsten Schritt du gehen möchtest.
Über Maria Ravariu
Life & Business Coach mit psychologischem Hintergrund
Ich begleite Menschen dabei, persönliche und berufliche Ziele zu klären, innere und äußere Hindernisse zu verstehen und konkrete Schritte in die Umsetzung zu bringen.
Meine Arbeit verbindet psychologisches Wissen mit einer fundierten Coaching-Ausbildung nach ICF-Standards und mehrjähriger Beratungs- und Berufserfahrung.
Schwerpunkte: berufliche Entscheidungen, Zielumsetzung, neue Führungsrollen, Selbstständigkeit, Veränderungsprozesse sowie innere Blockaden wie Unsicherheit, Perfektionismus und Angst vor Fehlentscheidungen.


