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Angst vor dem Scheitern in der Selbstständigkeit: Was, wenn es nicht funktioniert?

Von Maria Ravariu · Life & Business Coach · B.Sc. Psychologie

Du hast eine Idee für deine Selbstständigkeit. Vielleicht hast du bereits gerechnet, recherchiert und erste Gespräche geführt. Ein Teil von dir möchte es versuchen.

Und dann kommt diese Frage:

Was, wenn es nicht funktioniert?

Vielleicht verlierst du Geld. Vielleicht findest du nicht genügend Kunden. Vielleicht musst du nach einem Jahr wieder in eine Festanstellung zurück. Vielleicht sehen andere, dass dein Plan nicht aufgegangen ist.

Die Angst vor dem Scheitern kann eine Entscheidung über die Selbstständigkeit stark beeinflussen. Dabei lohnt es sich, genauer hinzuschauen. Denn hinter „Ich habe Angst zu scheitern“ können sehr unterschiedliche Befürchtungen stecken.

Wovor hast du eigentlich Angst, wenn du ans Scheitern denkst?

Stell dir für einen Moment vor, deine Selbstständigkeit entwickelt sich tatsächlich nicht so, wie du es dir vorgestellt hast.

Was daran wäre für dich am schwierigsten?

Vielleicht denkst du an ganz konkrete Folgen:

Du könntest Ersparnisse verlieren.

Du müsstest deine laufenden Kosten weiterhin bezahlen.

Du könntest nach einigen Monaten feststellen, dass dein Angebot kaum gekauft wird.

Du müsstest dir wieder eine Anstellung suchen.

Vielleicht geht es bei dir aber auch um etwas anderes:

Was würden meine Familie und Freunde denken?

Wie würde ich mich fühlen, wenn andere sehen, dass es nicht funktioniert hat?

Was würde es über mich sagen, wenn ich es nicht schaffe?

Könnte ich danach noch einmal von vorne anfangen?

Diese Fragen gehören nicht alle in dieselbe Kategorie. Manche betreffen konkrete wirtschaftliche Risiken. Andere betreffen die Bedeutung, die ein mögliches Scheitern für dich persönlich hätte.

Diese Unterscheidung kann für deine Entscheidung entscheidend sein.

1. Was würde konkret passieren, wenn deine Selbstständigkeit nicht funktioniert?

„Scheitern“ ist ein großes Wort.

Oft bleibt zunächst unklar, was damit eigentlich gemeint ist.

Bedeutet Scheitern für dich, dass du nach sechs Monaten noch nicht genug verdienst?

Dass du deine Selbstständigkeit wieder beendest?

Dass du einen Teil deiner Ersparnisse investierst und nicht zurückbekommst?

Dass du wieder angestellt arbeitest?

Dass dein erstes Angebot nicht funktioniert?

Je konkreter du das Szenario beschreibst, desto genauer kannst du einschätzen, womit du tatsächlich umgehen müsstest.

Fragen, die dabei helfen können:

Wie viel Geld könnte ich maximal verlieren?

Welche laufenden Verpflichtungen habe ich?

Wie lange könnte ich eine Phase mit wenig Einkommen finanzieren?

Welche beruflichen Möglichkeiten hätte ich, wenn ich wieder in eine Anstellung gehen wollte?

Welche Verpflichtungen habe ich gegenüber meiner Familie oder anderen Menschen?

An welchem Punkt würde ich meine Strategie verändern oder die Selbstständigkeit beenden?

Bei finanziellen, steuerlichen, rechtlichen oder versicherungsbezogenen Fragen solltest du die jeweiligen Risiken mit dafür qualifizierten Fachpersonen klären.

Je genauer du deine tatsächliche Situation kennst, desto weniger musst du deine Entscheidung auf einem diffusen Worst-Case-Szenario aufbauen.

2. Bedeutet eine gescheiterte Geschäftsidee, dass du gescheitert bist?

Hier beginnt eine andere Ebene der Angst.

Stell dir zwei Menschen vor.

Beide starten ein Unternehmen. Nach einem Jahr stellen beide fest, dass ihr ursprüngliches Geschäftsmodell nicht genügend Umsatz bringt.

Person A sagt:

„Das Geschäftsmodell hat so nicht funktioniert. Ich muss herausfinden, warum.“

Person B sagt:

„Ich habe es nicht geschafft. Vielleicht bin ich einfach nicht gut genug dafür.“

Das wirtschaftliche Ergebnis kann ähnlich sein. Die persönliche Bedeutung ist eine andere.

Gerade wenn du gewohnt bist, leistungsfähig zu sein, gute Entscheidungen zu treffen oder Dinge durch Einsatz zu erreichen, kann sich ein geschäftlicher Misserfolg schnell persönlich anfühlen. Dann wird aus „Mein Angebot funktioniert so nicht“ innerlich leicht „Ich kann es nicht“.

In einer Selbstständigkeit kannst du viel beeinflussen, aber nicht jedes Ergebnis kontrollieren. Kunden entscheiden selbst, Märkte verändern sich und eine Idee kann sich als weniger gefragt herausstellen als erwartet.

Deshalb lohnt es sich, zwischen dem geschäftlichen Ergebnis und der Bewertung der eigenen Person zu unterscheiden.

Was würdest du über dich selbst denken, wenn deine erste Idee nicht funktioniert?

3. Nach welchen Kriterien würdest du entscheiden, ob etwas gescheitert ist?

Angenommen, du startest und verdienst nach einem Jahr weniger als geplant.

Ist das Scheitern?

Was ist, wenn du dein ursprüngliches Angebot veränderst und mit dem neuen Angebot erfolgreich wirst?

Was ist, wenn du nach zwei Jahren wieder angestellt arbeitest, aber in dieser Zeit etwas aufgebaut, gelernt und ausprobiert hast?

Was ist, wenn du feststellst, dass Selbstständigkeit doch nicht zu dem Leben passt, das du führen möchtest?

Es kann hilfreich sein, bereits vor dem Start darüber nachzudenken, woran du Erfolg und Misserfolg messen möchtest.

Zum Beispiel:

Wie viel Umsatz oder Einkommen möchte ich nach einer bestimmten Zeit erreichen?

Welche Entwicklung müsste ich sehen, damit ich weitermache?

Welche finanziellen Grenzen möchte ich nicht überschreiten?

Wann würde ich mein Angebot verändern?

Wann würde ich bewusst entscheiden aufzuhören?

So wird aus „Ich darf nicht scheitern“ eine wesentlich konkretere Frage:

Unter welchen Bedingungen möchte ich weitermachen, verändern oder aufhören?

4. Was kannst du vor dem Start testen?

Nicht jede Geschäftsidee muss sofort mit einer großen Entscheidung beginnen.

Je nach Geschäftsmodell kannst du bestimmte Annahmen möglicherweise vorher überprüfen.

Zum Beispiel:

Interessiert sich deine Zielgruppe überhaupt für das Problem, das du lösen möchtest?

Sind Menschen bereit, für deine Lösung Geld auszugeben?

Welches Angebot verstehen potenzielle Kunden?

Über welche Wege erreichst du sie?

Wie reagieren Menschen, wenn du ihnen dein Angebot tatsächlich präsentierst?

Zwanzig Stunden weitere Recherche beantworten diese Fragen möglicherweise schlechter als fünf echte Gespräche oder ein erster kleiner Test.

Welche Möglichkeiten für dich rechtlich, steuerlich, arbeitsvertraglich und finanziell sinnvoll sind, hängt von deiner individuellen Situation ab und sollte entsprechend geprüft werden.

5. Wie viel müsstest du investieren, um herauszufinden, ob deine Idee funktioniert?

Vielleicht denkst du bei Selbstständigkeit sofort an die große Version:

Job kündigen.

Website fertigstellen.

Geschäftsräume mieten.

Produkte einkaufen.

Viel Geld investieren.

Komplett davon leben müssen.

Doch möglicherweise musst du nicht jede Entscheidung gleichzeitig treffen.

Eine hilfreiche Frage kann sein:

Was müsste ich investieren, um die wichtigste Annahme hinter meiner Geschäftsidee zu testen?

Vielleicht brauchst du dafür drei Monate.

Vielleicht einen ersten Kunden.

Vielleicht ein kleines Angebot.

Vielleicht einen Prototyp.

Vielleicht fünf Gespräche mit potenziellen Kunden.

Vielleicht stellst du dabei fest, dass deine Idee verändert werden muss.

Vielleicht bekommst du erste Hinweise darauf, dass Menschen tatsächlich bereit sind, dafür zu bezahlen.

In beiden Fällen hast du neue Informationen, mit denen du weiterentscheiden kannst.

6. Was würden andere über dich denken, wenn es nicht funktioniert?

Manchmal liegt die unangenehmste Vorstellung gar nicht in der finanziellen Konsequenz.

Es ist der Moment, in dem man anderen erzählen müsste:

„Es hat nicht funktioniert.“

Vielleicht hast du deine Idee bereits begeistert angekündigt.

Vielleicht gibt es Menschen in deinem Umfeld, die dir davon abraten.

Vielleicht möchtest du beweisen, dass du es schaffen kannst.

Vielleicht kennst du dich selbst als jemanden, der seine Ziele erreicht.

Dann kann eine geschäftliche Entscheidung plötzlich mit dem eigenen Selbstbild verbunden werden.

Frag dich:

Wessen Reaktion beschäftigt mich besonders?

Was befürchte ich, dass diese Person über mich denken würde?

Und was würde ich selbst über mich denken?

Die Antworten können dir zeigen, ob du gerade ausschließlich ein unternehmerisches Risiko bewertest oder gleichzeitig versuchst, ein bestimmtes Bild von dir selbst zu schützen.

Coaching Fallbeispiel

Eine Klientin wollte sich mit einer Dienstleistung selbstständig machen. Sie hatte Berufserfahrung, eine konkrete Idee und erste Vorstellungen davon, wie ihr Angebot aussehen könnte.

Im Coaching sagte sie:

„Ich glaube, meine größte Angst ist, dass ich es versuche und nach einem Jahr wieder einen normalen Job suchen muss.“

Ich fragte:

„Was wäre daran für dich das Schwierigste?“

Sie antwortete zunächst:

„Dass es dann nicht funktioniert hat.“

Ich fragte:

„Und was würde das für dich bedeuten?“

Nach kurzem Überlegen sagte sie:

„Dass ich es nicht geschafft habe.“

Wir blieben bei diesem Satz.

„Was bedeutet für dich: Ich habe es nicht geschafft?“

Sie dachte einen Moment nach.

„Dass ich mich überschätzt habe.“

Im weiteren Gespräch wurde für sie deutlicher, dass ihre Angst nicht ausschließlich mit den wirtschaftlichen Folgen einer möglichen Gründung zusammenhing. Die Vorstellung, wieder in eine Festanstellung zurückzukehren, verband sie mit einer Bewertung ihrer eigenen Fähigkeiten.

Ich fragte:

„Woran würdest du selbst erkennen wollen, ob eine Geschäftsidee nicht funktioniert hat oder ob du als Person nicht dafür geeignet bist?“

Sie überlegte länger.

Schließlich sagte sie:

„Eigentlich kann ich aus einer Idee, die nicht funktioniert, nicht automatisch ableiten, dass ich es grundsätzlich nicht kann.“

Von dort aus entwickelte sie eigene Kriterien dafür, wie sie ihren Versuch bewerten wollte. Sie legte fest, welche Ergebnisse sie innerhalb eines bestimmten Zeitraums überprüfen, wie viel sie maximal investieren und an welchen Punkten sie ihr Angebot verändern würde.

Damit hatte „Scheitern“ für sie eine konkretere Bedeutung bekommen. Sie konnte unterscheiden zwischen einem geschäftlichen Ergebnis und der Bewertung ihrer eigenen Person.

7. Was wäre dein Plan B?

Ein Plan B kann sehr unterschiedlich aussehen.

Vielleicht könntest du wieder in deinen bisherigen Beruf zurückkehren.

Vielleicht würdest du deine Selbstständigkeit zunächst nebenberuflich aufbauen.

Vielleicht möchtest du eine bestimmte finanzielle Rücklage haben.

Vielleicht setzt du dir einen Zeitraum, nach dem du neu entscheidest.

Vielleicht definierst du bereits vorher eine finanzielle Grenze.

Ein Plan B beantwortet eine wichtige Frage:

Was mache ich konkret, wenn mein ursprünglicher Plan nicht aufgeht?

Je genauer du darauf antworten kannst, desto konkreter wird auch das Risiko, über das du entscheidest.

8. Was könnte dich auch das Nichtversuchen kosten?

Bei der Angst vor dem Scheitern richtet sich der Blick schnell auf die möglichen Kosten des Handelns.

Es gibt aber noch eine zweite Seite der Entscheidung.

Stell dir vor, du entscheidest dich gegen die Selbstständigkeit.

Ein Jahr vergeht.

Dann drei Jahre.

Dann fünf.

Wie würdest du auf deine Entscheidung zurückblicken?

Vielleicht wärst du froh, dass du deine Sicherheit behalten hast.

Vielleicht hätte sich eine andere berufliche Möglichkeit ergeben, die besser zu dir passt.

Vielleicht würdest du dich aber weiterhin fragen, was passiert wäre, wenn du deine Idee ausprobiert hättest.

Die Frage ist deshalb nicht nur:

Was könnte passieren, wenn ich es versuche und es nicht funktioniert?

Sie lautet auch:

Wie wäre es für mich, wenn ich es nie herausfinde?

9. Welche Entscheidung musst du heute wirklich treffen?

Vielleicht musst du heute noch gar nicht entscheiden, ob du die nächsten zehn Jahre selbstständig sein wirst.

Vielleicht lautet deine aktuelle Entscheidung:

Möchte ich meine Idee ernsthaft prüfen?

Möchte ich mit potenziellen Kunden sprechen?

Möchte ich mein Angebot testen?

Möchte ich meine finanzielle Situation konkret durchrechnen?

Möchte ich herausfinden, welche Voraussetzungen für meine Gründung erfüllt sein müssen?

Oder bin ich bereits an dem Punkt, an dem ich über meinen tatsächlichen Start entscheiden möchte?

Wenn du weißt, welche Entscheidung gerade wirklich vor dir liegt, wird aus einer großen Zukunftsfrage ein konkreter nächster Schritt.

Angst vor dem Scheitern und Angst vor der Selbstständigkeit sind nicht dasselbe

Vielleicht merkst du beim Lesen, dass du gar nicht hauptsächlich Angst vor einem späteren Scheitern hast.

Vielleicht weißt du noch nicht, ob du dich überhaupt selbstständig machen möchtest.

Dann kann dir der Beitrag „Angestellt bleiben oder selbstständig machen? 9 Fragen für deine Entscheidung“ helfen.

Vielleicht möchtest du dich grundsätzlich selbstständig machen, stoppst aber immer wieder vor dem nächsten Schritt und kannst noch nicht genau benennen, warum.

Dann lies auch „Ich möchte mich selbstständig machen, traue mich aber nicht: Was hält mich zurück?“

Wenn deine größte Sorge dagegen tatsächlich lautet „Was, wenn ich es versuche und es nicht funktioniert?“, lohnt es sich, genauer zu unterscheiden:

Was könnte real passieren?

Welche Risiken kannst du vorher prüfen oder begrenzen?

Und welche Bedeutung würdest du einem möglichen Misserfolg für dich selbst geben?

Aus diesen Antworten kann eine Entscheidung entstehen, die stärker auf deiner tatsächlichen Situation basiert als auf einem unbestimmten Bild vom Scheitern.

Wenn die Angst vor dem Scheitern deine Entscheidung bestimmt

Vielleicht hast du deine Idee schon mehrfach durchgerechnet, verschiedene Szenarien im Kopf durchgespielt und trotzdem kommst du bei deiner Entscheidung immer wieder an denselben Punkt.

Im Coaching können wir gemeinsam genauer betrachten, welche Fragen für deine Entscheidung noch offen sind, welche Risiken du realistisch prüfen möchtest und welche persönliche Bedeutung ein mögliches Scheitern für dich hat.

So kannst du herausarbeiten, was du für deine Entscheidung und deinen nächsten Schritt tatsächlich brauchst.

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Über Maria Ravariu

Life & Business Coach mit psychologischem Hintergrund

Ich begleite Menschen dabei, persönliche und berufliche Ziele zu klären, innere und äußere Hindernisse zu verstehen und konkrete Schritte in die Umsetzung zu bringen.

Meine Arbeit verbindet psychologisches Wissen mit einer fundierten Coaching-Ausbildung nach ICF-Standards und mehrjähriger Beratungs- und Berufserfahrung.

Schwerpunkte: berufliche Entscheidungen, Zielumsetzung, neue Führungsrollen, Selbstständigkeit, Veränderungsprozesse sowie innere Blockaden wie Unsicherheit, Perfektionismus und Angst vor Fehlentscheidungen.

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